
Unbetitelt
Clemens Perger - Gewinner von Träume und andere Schlafstörungen
Ich bin wieder zu ihr gekommen.
Man kann so viel trinken, dass man nicht mehr träumt. Aber ich will träumen. Die Schrecken und die Schmerzen der Nacht sind mir lieber als die Einöde des Alltags.
Der Mantel hält mich nicht warm, der Tabak schon eher. Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen. Zu viele Geister in meinem Kopf. So bin ich durch die Stadt geirrt, als ich das erste Mal bei ihr war.
Ein Wartezimmer wie ein Arzt. Leer. Alle Türen zu. Instinktiv habe ich Platz genommen.
Eingerichtet ist es nicht wie bei einem Arzt. Keine klinisch weißen Wände, keine Frauenzeitschriften. Ledermöbel, alte Tapete mit Wellenmuster. Licht nur von einer alten Stehlampe mit Stoffschirm. Ein Bild hängt da. Ein Schiff aus weißem Holz segelt über die Wolken. Zwischen den Wolken glitzernde Sterne und ein blutroter Mond. Solche Bilder haben brotlose Künstler wohl tausendfach über die Welt gestreut.
Dann hat sie mich hineingebeten. Nennen Sie mich Elena, hat sie gesagt. Was bringt Sie hierher? Da habe ich ihr gesagt, ich bin krank. Sie hat gesagt, gehen Sie zum Arzt. Ich meinte, da kann ein Arzt nichts machen, meine Krankheit ist, dass ich nichts fühle.
Sie hat genickt und ihre Karten über den Tisch gespreizt. Ich wähle eine aus. Eine Frau in langen Gewändern. Woran erinnert dich das, fragt sie. An die Seele, sage ich.
Stimmt es, dass die Erinnerungen im Hinterkopf sind, wo wir keine Sinnesorgane haben? Würde man sie finden, wenn man uns aufschneidet? Mein Kopf fühlt sich an wie ein unsortierter Kleiderkasten. Macht man die Tür auf, begräbt einen der Inhalt.
Ob ich eine Seele habe, fragt sie. Eine reine Seele ist es nicht. Meine Seele stinkt nach Tabak und Gin. Sie hat Schürfwunden an den Knien und ihre Haut ist voll von Staub. Sie ist ungewaschen und man würde ihren Körper riechen, wenn sie einen hätte.
Warum ich so über meine Seele rede, hat sie gefragt. Da wollte ich schweigen. Nur eines habe ich gesagt, dass ich die Frauen in meinem Leben nicht gut behandelt habe. Dass ich mir vorstellen könnte, dass sich meine Seele vor mir graust.
Und sie hat gesagt, schreib deine Träume auf; und ich habe es getan. Sie hat gesagt, du wirst dich an alte Träume erinnern. Deshalb bin ich hier. Sie bittet mich hinein, ich schlage mein Traumtagebuch auf, wir begrüßen uns knapp, und ich beginne zu lesen.
Das Dorf meiner Kindheit. In der Dorfmitte eine Figur der Heiligen Muttergottes, Blick gen Himmel, barfuß tritt sie sanft auf eine Schlange. Ich meinte, ihren Fuß auf meiner Haut spüren zu können.
Ein Buch hatte ich, griechische Sagen. Obwohl meine Eltern mir das Buch gekauft haben, verstecke ich es vor ihnen. Ich muss denken – wissen sie, was da drin steht? Die Frauen in diesen Geschichten sind sehr anders als die Figur vor der Kirche.
Meine Großmutter hatte eine Schwester, die hatte eine Enkelin in meinem Alter. Ich habe mich damals gefragt, ob sie wohl ist wie die Frau vor der Kirche, oder wie die Frauen in den Sagen. Dann habe ich von ihr geträumt.
Da stand sie vor mir, von Kopf bis Fuß eingewickelt in ein dünnes, blaues Tuch, dunkel wie die Nacht. Ich sehe nichts von ihr durch das Tuch, aber so dünn ist es, und so eng anliegend, dass ich ihre Form genau erkennen kann. In der Ecke sitzt ihre Großmutter und leitet mich an. Ich greife, ich fühle durch das Tuch.
Im Kerzenlicht sehe ich, wie Elena den Finger auf die Lippen legt. Ich habe genug erzählt. Warum habe ich das geträumt, frage ich? Es widert mich an.
Die Wahrheit wird zum Traum, sagt sie, und die Träume werden wahr. Aus den Eindrücken des täglichen Lebens fallen Samen in uns, im Traum blühen sie auf, und wenn wir wach sind, ernten wir ihre Früchte.
Es stimmt. Wach war ich damals scheu gegenüber Mädchen. Im Traum, wo ihre Augen verdeckt waren, war ich mutig. Und Jahre später habe ich ein Mädchen kennengelernt, und da hatte ich den Mut.
Ich werde tun, was auch immer du von mir willst, hat sie dann gesagt, und ich wollte schrecklich viel.
Temperament hatte sie, und ihre Launen schmeckten wie Honig. Ich war kalt, und sie fühlte so laut.
Und dann, fragt Elena? In meiner Erinnerung kullern Kunstperlen über den Boden. Ich habe dem Mädchen ihren Rosenkranz zerrissen. Ich habe ihr die Unschuld nicht geglaubt. Und recht hatte ich.
Ich habe für eine Stunde bezahlt, und die Stunde ist um. Zum Abschied empfiehlt sie mir, in das Dorf zurückzukehren. Ich gehorche. Einer langen Autofahrt folgt eine kurze Nacht in einem billigen Hotelzimmer.
Ich wache auf und meine Kehle ist trocken. Ich schmecke Tabak und Gin. Was habe ich geträumt? Ich kann mich nicht erinnern.
Kühles Wasser trinken. Der Wasserhahn stottert. Wasser spritzt mir ins Gesicht. Ekelhaft schmeckt es. Ich spucke und das Wasser ist braun. Ich übergebe mich. In der Toilettenschüssel ist alles schwarz. Was war da in mir? Dann denke ich: Irgendwie müssen die Dinge aus einem raus. Wer nicht weinen kann, muss kotzen.
Erschöpft schlafe ich wieder ein. Ich denke: Bin ich geläutert? Mehr Träume.
Ich stehe an einer Wegkreuzung. Von der Heide her quaken die Frösche im Liebesrausch. Ist das ein Friedhof? Hier steht etwas wie ein Kreuz, aber es ist kein Kreuz.
Meine Familie ist bei mir. Wölfe laufen auf uns zu und ich stelle mich dazwischen. Die Leitwölfin beißt nach mir. Jetzt bin ich ihr Welpe. Sie beißt nicht, sie schleckt mich ab, sie liebt mich. Welche Mutter könnte denn einen wie mich lieben? Eine Wolfsmutter wohl.
Die Rückfahrt kommt mir elendig lange vor. Ich fahre nicht nach Hause, ich parke direkt bei Elena. Als ich ihr den Traum erzähle, rät sie mir, dem Wolf einen Namen zu geben. Das tue ich.
Immer wieder träume ich mich jetzt als Wolf. Ich muss töten, um zu überleben. Mein Herz rast oft noch, wenn ich schon wach bin. Ich brauche keinen Gin mehr, aber bald will ich gar nicht mehr wach sein. Ein Wolf kann tun, was er will, denke ich. Ein Mensch ist der Sklave seiner Umstände.
Ich fühle wieder, aber ist das, was ich wollte?
Elena bittet mich in ihr Zimmer. Ich wollte nicht vorbeikommen, aber ich habe keinen anderen Menschen, mit dem ich reden kann.
„Diesmal war ich von Anfang an der Wolf.“ Sie nickt.
„Und Sie waren dabei.“
Ich will nicht alles sagen müssen. Ich will, dass sie versteht, was ich meine ohne es auszusprechen.
„Sie waren nicht bei mir, aber Sie haben eine Spur hinterlassen. Wie ein Tier rieche ich daran. Ich höre mich schnüffeln. Ich finde Sie.“ Schweigen. Sie wartet.
Ich habe ihre Stiefel abgeschleckt. Aber das kann ich nicht sagen.
„Sie selbst sind also zum Fixpunkt in meinen Träumen geworden.“
Wie kann ich einen Menschen siezen, der mir so nahe steht? Ich habe ihr meine Seele offenbart, und für sie bin ich ein Nichts. Ihre Stille zieht alles aus mir heraus und ich bekomme keine einzige Regung aus ihr.
Ihr Blick durchdringt mich, ihre Miene unbeweglich wie immer. Ich will mich auflösen. Ich bin eine große Ansammlung von Nacktschnecken am Boden und sie tanzt durch den Raum ohne schmutzig zu werden. Ich zerbreche an ihrer kalten Professionalität.
„Ich habe Sie vergewaltigt, in meinem Traum.“
War ich das? Ich erinnere mich doch. Ich grause mir vor mir selbst. Die Wörter scheinen mir aus dem Mund gefallen zu sein. Sie liegen auf dem Boden wie Erbrochenes auf einem fremden Teppich. Und sie bleibt ruhig und beherrscht. Sie ist mehr Spiegel als Mensch. Alles, was ich auf sie werfe, wirft sie zurück.
Ich zahle, stürme aus dem Zimmer und fahre heim. Ich bin ein Hund und kein Wolf. Das nächste Mal, dass ich von ihr träume, sind meine Emotionen verändert.
„Hexe!“ Ich stampfe ihren Schädel in den Schlamm. Ich reiße sie an den Haaren wieder hoch. Ich packe ihr Gesicht, dass es sich verzieht. Ich wache auf. Scham, Lust, Angst, Zorn, Hass, vermengt miteinander überwältigen mich. Was ist aus mir geworden? Die Gefühle steigen mir zu Kopf und quellen mir aus den Augen. Endlich kann ich weinen.
Monate vergehen, bis ich wieder bei Elena bin. Völlig durchnässt trete ich bei ihr ein. Ich habe geträumt, sage ich.
Ich zahle im Voraus. Ich war am Meer, sage ich. Das Meer ist eine Wüste. Es kommt mir vor, dass ich es überqueren muss, um mich zu finden. Ich breite meine Flügel aus.
Öl ist im Meer. Da ist ein Vogel, sein Gefieder ist schwarz und schmierig, und er stirbt vor sich hin. Ich bin auch voller Öl. Ich werde schwerer, klatsche auf das Wasser, sinke.
Der Mund wird mir aufgezwungen. Ich ertrinke in rotem Wasser. Ich schmecke kein Wasser. Ich schmecke Salz. Plötzlich bin ich tief unter der Erde.
Und dort hat sie gehangen, meine Seele, an einem Eisenhaken wie bei einem großen Fleischerbetrieb. Sie ist ein Wolf und sie ist eine Schnecke. Sie ist ein kleines Mädchen und sie ist eine alte Frau. Sie ist nackt und ein Schleier bedeckt sie.
Wie sie gelitten haben muss! Aber es macht sie nur noch schöner. Ich umarme sie. Ich will sie retten. Und alles wird zu Licht.
Das ist der schönste Traum, den ich bisher hatte, sage ich. Jetzt sehe ich die Straßen meines Dorfs. Ich bin tot, und Scharen von Frauen in schwarzen Schleiern tragen meinen Sarg durch die Straßen. Und der Morgenstern geht auf über der nächtlichen Prozession. Und ich weiß, es ist meine Seele, entkommen aus der Unterwelt.
Klarheit. Ruhe. So lange habe ich danach verlangt.
Elena schweigt und es ist mir egal. Ich habe nichts mehr zu sagen. Ich verabschiede mich und gehe nachhause. Und ich träume.
Ihr schwarzes Haar ist in einem strengen Zopf zusammengebunden. Ihr Blick ist unheimlich liebevoll. Ihr Körper ist ein Schloss aus Eis, in dem sie eine warme Seele sicher birgt. Durch diese Augen leuchtet ihre Seele bis zu mir.
Sie lädt mich zu sich ein, in die Heilige Messe. Mein Herz schmilzt. Ich bin aus Wachs. Ich komme aus dem eisigen Schnee in ein warmes Zimmer. Sie ist ein Kamin, aus dem die Feuerzungen schlagen. Wenn sie mich berührt, bin ich nur mehr eine Pfütze auf dem Boden.
Für Yara
Kira Huth - Teilnehmerin bei Träume und andere Schlafstörungen
Ihr Mund geht auf, ihr Mund geht zu, geht wieder auf. Außer dem leisen Gluckern meiner Heizung ist nichts zu hören. Den Ton habe ich ausgestellt, längst kenne ich ihre Worte auswendig. Stopp. Ich bewege den Cursor zurück zum Anfang der Szene, drücke PLAY. Yaras Mund geht auf, geht zu, geht wieder auf. Innerlich spreche ich mit, wiederhole sogar den Stotterer und die Ähs und Weißt-dus, die ihre Sätze wie zäher Klebstoff verleimen. Leertaste, das Bild friert ein. Yaras Gesichtszüge sind leicht verwischt, ihre Augen halb geschlossen, die rechte Hand erhoben, eine flirrende Masse Pixel, die lose einen ausgestreckten Zeigefinger imitieren. So geht das nicht, fluche ich.
Yara redet viel zu schnell. Unmöglich, in den Millisekunden zwischen ihren Worten einen sauberen Schnitt zu setzen. Der Übergang zur nächsten Szene will mir einfach nicht gelingen. Das Interview ist total verhaspelt, mein Fehler, denn ich hatte sie zu keinem Zeitpunkt unterbrochen, um sie zu bitten, das ein oder andere zu wiederholen, ihre Gedanken zu sortieren, noch einmal von vorn zu beginnen. Ein einziger langer Take von über einer Stunde, den ich mir vor Ort nicht mehr anguckt hatte, zu erschöpft war ich von der gemeinsamen Woche voller Gespräche, Ausflüge und Heimlichtuerei. Kamera draufhalten, Kamera verstecken, Personenkontrolle, was machen Sie hier? Das Mikrofon dürfen sie nicht mitnehmen, bleiben Sie hinter der Linie zurück, hier dürfen Sie nicht filmen.
Meine Augen brennen, zu lange starre ich bereits ins blauweiße Licht des Monitors. Draußen ist es dunkel, so wie meistens in letzter Zeit. Der orange Lichtschimmer einer Straßenlaterne malt meinen Zimmerpflanzen skurrile Schatten. Aus der unteren Ecke meines Bildschirms leuchtet mir eine Uhrzeit entgegen, die mir unwahrscheinlich vorkommt. Ich reibe mit den Fingerknöcheln über meine Augenlider. Das Brennen verstärkt sich. Als ich die Augen schließe, sehe ich auf der Innenseite meiner Lider zwei helle Rechtecke. Ich öffne die Augen wieder und blicke direkt in Yaras von der Bewegung verzerrtes Gesicht, das übergroß im dunklen Raum schwebt. Ich stehe auf und knipse den Druckschalter der Stehlampe an. Die Glühbirne erwacht mit einem hellen Pling-Ton zum Leben und vertreibt die Zimmerpflanzenschatten von meinem Holzboden. Ich stehe am Fenster und blicke hinaus auf die nächtliche Straße. Draußen ist alles still. Die Kaffee-Anzeige im Schaufenster gegenüber blinkt unermüdlich rot und grün. Der Winter ist eine Anhäufung künstlicher Lichter. Ich laufe auf Socken in die Küche, stelle den Wasserkessel an und nehme einen Teebeutel aus dem Regal. Während das Gerät mit einem lauten Brummen zum Leben erwacht, denke ich an die Zeit mit Yara zurück. Spiele all die Momente durch, in denen ich etwas falsch gemacht habe. Versäumnisse oder Schnitzer, die im Schnitt nicht mehr zu korrigieren sind. Zu helles Licht, übersteuerter Ton, zu wenig Aufnahmen von Hebron, Ramallah, Jerusalem und Umland, zu wenig Aufnahmen von Yaras Familie, der Universität, ihren Freunden. Eine Woche hat einfach nicht ausgereicht, um eine kohärente Geschichte zu erzählen, wo die Realität doch nur aus einer Anhäufung von Augenblicken, Begegnungen und Zufällen besteht.
Während ich auf das heiße Wasser warte, zupfe ich ein paar braune Blätter aus meinen Topfpflanzen. Schon viel zu lange hänge ich an dieser einen Sequenz fest, verlängere oder verkürze eine Einstellung um den Bruchteil einer Sekunde und bin doch nie ganz zufrieden. Ich hätte mir die Zeit nehmen müssen. Ein Profi hätte das getan. Daran ist nun nichts mehr zu ändern, ich muss meine Fehler selbst ausmerzen. Der Wasserkocher wird vom Blubbern in seinem Inneren hin und her geschüttelt, dann spuckt er eine weiche Wolke aus, die sich in Sekundenschnelle unter der Decke auflöst. Ich gieße meinen Tee auf und setze mich zurück zu Yara an den Schreibtisch.
Hey Girl, sage ich, schalte den Ton an und drücke PLAY.
Yara sagt gehorsam ihren Text auf.
There are soldiers everywhere. They control everything. If you want to to to pass from one side of the town to the other, you need to cross a checkpoint. Aaaaand if the soldier is not in a good mood – Yara klatscht ein paar Mal schnell in die Hände – he will stop you and ask you questions, you know? It is very difficult. When when when you want to be free, but you are so limited. Limited by stupid things, like nationality or religion.
Ich will die Sätze in eine Ordnung bringen, ihr die überflüssigen Worte mit der Präzision einer Chirurgin von den Lippen lösen. Aber das Bild spielt nicht mit. Ihr Mund ist verzogen, der Kopf leicht geneigt. Yara sieht aufgebracht aus. Ich spüre eine schwere Last auf meinen Kopf drücken, muss das Wort nicht aussprechen, um zu wissen, was es ist, dass sich da tonnenschwer auf mich wälzt. Schon seit ich mich für dieses Projekt entschieden habe, lange bevor ich überhaupt einen Fuß auf diesen staubigen Flickenteppich gesetzt habe, der verzweifelt versucht ein zusammenhängendes Land zu bilden, habe ich dieses unglaubliche Gewicht gespürt, mir anzumaßen, das Leben eines anderen Menschen nachzuerzählen. Yaras Leben.
Ich öffne den Ordner mit den Schnittbildern, scrolle durch die Videos von Yara, wie sie im Taxi sitzt, auf dem Weg zur Uni, wie sie die Straße ihres Viertels abläuft und mir die Häuser ihrer Verwandten zeigt, wie sie über Märkte spaziert, einen gekochten Maiskolben kauft, auf dem Dach ihres Familienhauses zur blauen Stunde einen Popsong singt.
Seit Wochen habe ich in kein anderes Gesicht mehr geblickt. Ich kenne jede ihrer Regungen auswendig. Ich weiß, wie das aussieht, wenn sie angestrengt ist, weiß, wie sie sich die Stirn reibt, wenn sie etwas verunsichert, kenne jede Nuance ihres hellen Lachens, das sich mit unterdrückten Gurgeln ankündigt, nur um dann wie ein Schluckauf aus ihr herauszubrechen.
Yara begleitet mich bei Tag und bei Nacht, ihre Stimme flüstert in meinen Träumen, ihre Worte klingen in meinen Ohren nach, wenn ich mich mühsam aus dem Schlaf kämpfe. Mal sehe ich ihr Gesicht übergroß, mal in weiter Ferne. Ich wechsle zwischen den Einstellungsgrößen hin und her, nutze den Bildausschnitt, um einen Fokus zu setzen. Yaras Emotionen zeige ich als Close-up, damit der Betrachter ganz nah dabei ist, dabei sein muss. Etwa in jenem kostbaren Moment, als ihr die erste Träne aus dem Augenwinkel kriecht und still ihre Wange hinabgleitet, am bebenden Mund vorbei, der nur mühsam die nächsten Worte hervorbringen kann.
What if I can’t go back? Will I ever see my family again? I love them, you know? I really love them. But if I have to make a choice, them or me, I am sorry to say, that I will choose myself.
Yara weinen zu sehen, macht mich glücklich. Es ist mehr, als ich zu hoffen gewagt habe. Es ist der Höhepunkt des Films. Ich lege melancholische Klaviermusik unter die Szene, ganz subtil. Mit minus 20 Dezibel halten sich die Töne zögerlich im Hintergrund, um bei Satzende an Kraft zu gewinnen und Yaras Worten Nachdruck zu verleihen. Ihre Wangen sind tränennass, die Hände in ihrem Schoß zu Fäusten geballt. Ihr Blick geht geradewegs in die Kamera. Zerrissenheit und Verzweiflung liegen darin. CUT.
Ich bin sehr stolz. Ich fühle mich furchtbar. Yara tut mir leid, ich will kein Kapital aus ihrem Schmerz schlagen. Ich sage mir, ich tue es für uns beide. Auch sie soll davon profitieren, eines Tages. Während Yara hinter Mauern festsitzt, ihre Wünsche vor den wachsamen Augen ihres Vaters versteckt und von kleinen Momenten geborgter Freiheit lebt, sitze ich in meiner kleinen Berliner Wohnung, die ich nur ungern verlasse. Erst den Film fertig machen, sage ich mir. Meine Jogginghose und mein fleckiger Pulli sprechen Bände. Als ich mir die Haare hinters Ohr stecke, fällt mir auf, wie fettig sie sich anfühlen. Am unteren rechten Rand des Bildschirms leuchtet die aktuelle Uhrzeit. 5.42 Uhr. Ich habe mich ablenken lassen, mich in den einzelnen Clips verloren. Im Rohschnitt, da ist noch so viel Schönes drin, was ich herausschneiden musste, nicht zeigen darf oder nicht in eine sinnvolle Struktur zwängen kann. Etwa der Abend mit Yaras Schwestern, als sie Pyjama Party in ihren Disney Schlafanzügen machen. Die fünf jungen Frauen tragen keine Hijabs, ich darf nicht filmen, aber weil ich kein Arabisch spreche und das nicht verstehe, habe ich die Kamera aufgestellt. Erst fünf Minuten später packe ich sie weg. Fünf kostbare Minuten schwesterlicher Verbundenheit, herausgeschnitten. Der Mann, durch dessen Gemüsegarten eine Mauer gebaut wurde, herausgeschnitten. Stattdessen eingebaut: Der Moment, in dem wir mit dem Auto am Checkpoint in eine Passkontrolle geraten, ich aber keinen Ausweis dabei habe.
Hide the camera, wispert Yara, schwarzes Bild, der Motor stottert, bricht ab, Stille. Der Zuschauer wird in die Irre geführt. Alles fake, wir wurden gar nicht gestoppt, aber das braucht niemand zu wissen, das ist ein unwichtiges Detail. Ich nehme das Gefilmte und presse es in eine möglichst verdaubare Form, logisch, konsistent, spannend, lustig, ergreifend, hoffnungsvoll. Nur, dass ich nicht mehr weiter komme.
Ohne es zu merken, bin ich wieder am Fenster gelandet. Oranges Licht, rot- grün blinkende Kaffee-Anzeige, nasser Dunst. Ein paar arme Gestalten wühlen sich durch den nachtgrauen Morgen. Der Mond hängt verschlafen am Himmel, hat seinen Abgang verpasst. Fuck you, Yara, fluche ich und schalte den Bildschirm aus.
Bier mit Franz
Thomas Anin - Gewinner von Geburt und Tod
Kollabierende Erdkerne. Anschwellende Ozeane. Auslöschung durch Aliens. Ich saß in meinem zerschlissenen Ledersessel und sah mir Filme an.
Hin und wieder schrieb ich Franz, ob er Lust auf ein Bier habe. Es kam keine Antwort.
Mit Franz im Januar in eine Berliner Kneipe zu gehen, das war schon nah an der Glückseligkeit. Draußen heult ein eisiger Wind über die Weserstraße. Frostblumen blühen an den Kneipenfenstern. Doch drinnen ist es warm und an den Tischen tummeln sich diese verqueren, gefallenen Engel, denen ein schweigsames Personal Bier um Bier zapft.
Ich kann dann alles sagen. Nie wertet Franz, nie verurteilt er. Er hört es sich an. Er nickt. Er stößt sein Bierglas gegen meines. Und dann ist es wieder gut.
Aber Franz rief nicht an. Franz antwortete nicht auf Nachrichten.
Ich zog meinen Mantel an, schleppte mich zur S-Bahn und fuhr in den Wedding. Ich stand vor seiner Bude, unten am Hauseingang und klingelte. Ich drückte vier, fünf Mal auf den Plastikknopf. Nichts. Ich ging eine Runde spazieren, durch die Grünfläche nahe Franz’ Wohnung. Die Wiese lag begraben unter Kühltruhen, besudelten Matratzen und Bretterhaufen. Ein eisiger Wind pfiff durch den Müll. Ich zitterte vor Kälte, drehte um und kehrte zu Franz’ Adresse zurück. Ich hörte das Sirren des Stroms, während ich meinen Finger auf das Plastik der Klingel presste. Keine Antwort. Nichts.
Abends, zuhause, kam mir in den Sinn, dass Monika auf der Silvesterparty nicht nur mir, sondern auch Franz eine Serviette mit ihrer Telefonnummer in die Hosentasche geschoben hatte. Vielleicht waren sie sich näher gekommen und Franz hatte, aufgrund von Eifersucht, beschlossen, den Kontakt mit mir abzubrechen? Dieser Gedanke war einerseits abwegig. Wegen Monika? Das schien ausgeschlossen. Zugleich lag es zeitlich nahe, fügte sich ineinander, wie zwei nackte, klebrige Körper.
Vielleicht war er gar nicht in Not. Und es war etwas grundsätzliches. Schon manches Mal hatte ich mich gefragt, weshalb Franz eigentlich mit mir Zeit verbrachte. Zu vielen Themen, die ihn bewegten, hatte ich nichts zu sagen.
Hin und wieder öffnete ich mir eine Flasche Bier und nahm sie mit nach draußen, um herumzulaufen. Es war so kalt, dass der Schaum an der Öffnung gefror. Ich lief über den Hermannplatz in die Seitenstraßen. Ich sah durch die Fenster der Kneipen, die ich mit Franz besucht hatte. Da saßen Menschen am Tresen, mit Gläsern vor sich, in denen sich das Kerzenlicht spiegelte. Sie warfen ihre Köpfe zurück, vor Lachen. Die Frauen trugen bis zum Nabel ausgeschnittene Oberteile. Die Männer hockten mit gespreizten Beinen auf den Barhockern. Ich berührte die Scheiben mit den Fingern.
Man macht weiter. Man denkt seltener an den Menschen, der verschwunden ist. Man steht auf, frühstückt, kleidet sich an. Man ist überrascht, dass ein Vierteltag vergangen ist, ohne dass die Frage aufkam, wo der Fehler lag oder was passiert ist.
Wenn ich in die Uni spazierte, sah ich, dass die Obdachlosen aus den U-Bahnschächten wieder im Freien saßen. Über den Gehwegen entfalteten sich die Blätter der Straßenbäume. Der Frühling begann.
An einem Montag im April saß ich auf einer Steintreppe, die hinab zur Spree führte und las ein Lehrbuch. Die Sonne schien, aber im Westen trieben schwarzgraue Wolken über die Stadt. Man wusste nicht, ob man draußen bleiben konnte oder in zehn Minuten ein Hagelsturm losbräche. Da vibrierte mein Handy. Ich zog es aus der Hosentasche. Franz’ Nummer erschien. Ich betrachtete das Display. Ich musste nur nach rechts wischen, um den Anruf anzunehmen. Meine Finger blieben regungslos. Drei Monate, dachte ich. Ein Vierteljahr. Es hörte auf zu klingeln. Ich sah über den Fluss, der düster dahin dümpelte. Da klingelte es erneut.
„Franz,“ sagte ich.
„Ja, Mann.“
Ich schwieg.
„Magst mich besuchen kommen?“
„Besuchen.“
„Ich schick’ dir die Adresse. Also, wunder’ dich nicht - das ist ein Hospiz.“
„Ein Hospiz?“
„Exakt.“
„Ich komm vorbei,“ sagte ich und legte auf.
Am Empfang der Einrichtung sagte ich, dass ich Herrn Kupfer besuchen wolle. Der Mann, der ungesund gelblich aussah, bat mich, den Namen zu wiederholen. „Können Sie das buchstabieren,“ flüsterte er. Er saß vor seinem Computertbildschirm und tippte, als ob er eine sehr komplizierte Aufgabe zu bewältigen hätte.
„Wie das Metall,“ sagte ich. „K-U-P-F-E-R. Franz Kupfer.“
Er schwieg und klickte mit der Maus herum.
Verstohlen sah ich mich um. Vielleicht sollte ich mich einfach umdrehen und gehen.
In diesem Moment schlurfte Franz aus dem Gang auf den Eingangsbereich zu. Er nickte mehrmals, als er mich sah. Wir reichten uns die Hand. Er roch nach Schweiß.
„Komm, lass uns nach draußen.“ Er deutete durch eine Glastür, die rechts vom Eingangsportal lag.
Wir traten hindurch und es öffnete sich ein Park, weitläufig und voller alter Bäume. Ich war überrascht, mitten in Berlin so einen Ort zu sehen. Durch das hintere Ende des Parks floss ein Bach. Auf einer Bank nahmen wir Platz.
„Es ist schön hier,“ sagte Franz. „Die haben das hübsch gemacht. Er deutete aufs Wasser. In dem Bach habe ich schon eine Schildkröte gesehen. Muss jemand ausgesetzt haben. Hin und wieder kommen Fischreiher vorbei und lauern auf Beute.“
Ich rückte auf der Bank nach hinten und lehnte mich an. Ich hörte, wie die Vögel zwitscherten.
„Du kannst zusehen, wie sie ihre Nester bauen.“ Franz zeigte auf die Buchen, die hinter dem Bach standen.
Ich roch den Duft des Frühlings. Doch ich roch auch Desinfektionsmittel. Ich wusste, trotz allem, wo wir gerade waren.
„Dieses Hospiz - das ist nicht wie ein Krankenhaus. Hier stehen schmerzstillende Behandlungen im Vordergrund. Psychische Hilfe... Ein erträgliches Abschiednehmen für die Sterbenden. Also, mit Monika-“
„Moment mal,“ rief ich. „Monika? Die von der Party? Was hat die denn...“
„Stimmt,“ unterbrach mich Franz. „Wir haben lange nicht gequatscht. Ja... Hab sie Mitte Januar getroffen. Ich hab gedacht, wir gehen einen trinken und - naja. Aber dann fängt sie von einem Rezidiv an. Lebermetastasen. Ich hab’ ihr zugehört. Wie soll ich sagen. Es war wie ein Traum oder wie ein Film, aus dem man nicht mehr aussteigen kann.“ Er drehte sich zu mir.
„Du grinst?,“ flüsterte er und sah mich an.
„Ich - nein, nein.“ Ich verbarg mein Gesicht zwischen den Händen, als ob ich heulen müsste. Aber in Wahrheit lächelte ich. Lachte beinahe. Es ging nicht um Franz! Es ging überhaupt nicht um Franz! Ich schüttelte den Kopf und räusperte mich und krächzte, „weiter, bitte erzähl weiter.“ Ich nahm die von ihm abgewandte Hand von meinem Gesicht und klopfte ihm auf die Schulter.
„Wir gehen spazieren,“ sagte er. „Wir spielen im Park Schach, unter der Weide da vorne. Abends sehen wir uns französische Filme an. Wir reden Tag und Nacht. Wir lesen zusammen. Monika steht auf Comics, so Graphic Novels. Die vom Hospiz bestellen das, was es nicht in der Bibliothek gibt. Wir lesen, ausgestreckt auf dem Bett, nebeneinander. Wie Teenager. Lachen uns kaputt. Sie führt mich in die klassische Musik ein. Es ist ein Endless-Summer-Ding. Monika hat gesagt, so hätte sie sich ihre Jugend gewünscht. Seit acht Wochen schlafen wir jede Nacht gemeinsam ein. Ich habe keine Ahnung, was ich danach tun soll. Ich hab’ ihr das gesagt. Was soll ich machen, wenn du fort bist? Sie ist so ein bisschen gläubig, weißt du.“ Er hält inne und kratzt sich am Kinn. „Ich aber ja überhaupt nicht. Ich kann ihr das auch nicht vorspielen. Nichts ist da, wenn man stirbt, habe ich gesagt, gar nichts. Übel, oder? Das hab’ ich ihr gesagt, obwohl sie in ein paar Wochen tot ist.
Sie hat geantwortet: Na, wenn schon. ‚Nichts‘ ist besser als die ganze Scheiße, die ich schon erlebt habe.
Dann war sie still. Und hat irgendwann noch hinzu gefügt: Wenn da etwas ist, dann sehen wir uns wieder. Und wenn da Nichts ist, dann sind wir zusammen im Nichts. Und ich hab’ angefangen zu weinen. Ich bin nur noch am Weinen, Junge.“
Ich räusperte mich, raffte mich auf und drückte seinen Arm. Ich erwähnte nicht, dass ich mich auch einmal mit Monika getroffen hatte, zwei Tage nach der Silvesterparty. Wie sie Lachslasagne gekocht hatte und unser Gespräch immer weiter versandet war. Wir hatten übers Kiffen geredet. Über eine Jointbaumaschine. Sie hatte auch andere Themen versucht. Mit dem Abräumen des Geschirrs hatte sie es aufgegeben, mit mir zu sprechen. Und als ich um vier Uhr morgens abhaute, ging ihre Tür nicht auf. Ich war in meine Sneakers geschlüpft, ohne sie zuzubinden und hatte den Schlüssel gedreht. Er hatte geklirrt und geklimpert. Immer wieder hatte ich ihn nach rechts geschraubt. Es musste irgendein Defekt gewesen sein. Bei jedem Drücken hatte die Klinke wie ein altersschwacher Raabe gequietscht. Kra. Kra, kra. Von meinen Fingern war der Duft ihres Körpers aufgestiegen.
„Ich hab’ ihr einen Antrag gemacht.“ Franz’ Augen glänzten, als wäre er auf Morphium.
Ich betrachtete das hellgrüne Gras der Wiese. Die letzte Nacht hatte es geregnet und man sah den Halmen an, wie vollgesogen sie mit Wasser waren. Wie gut sie wuchsen.
„Es war nicht, wie soll ich sagen, wie du denkst... es war nicht Mitleid. Überhaupt nicht. Ich habe mich vor sie hin gekniet und ich hatte Angst, dass ich den Satz nicht herausbringe.
Sie hat mich angeguckt und dann wieder weggeschaut. Sie hat geflüstert: ‚Mein Leben verlief furchtbar. Meine Eltern wollten mich nicht. Genauso später, in Berlin. Ich hab’ nie Fuß gefasst. Das war es. Das war alles. Jetzt sterbe ich.‘ Sie hat mit den Fingern am Saum ihres Hoodies herum gerollt. Der Pulli schlabbert an ihr, musst du wissen. Sie ist jetzt total dürr. Dann spricht sie weiter: ‚Aber, die letzten Wochen mit Dir... Dafür hat sich das alles irgendwie gelohnt. Also ja. Ja, ja, ja!‘
"Und dann hat sie sich an mich gedrückt und mich zehn Minuten nicht mehr los gelassen.“
Tränen rollten Franz’ Wangen herab.
Ich hatte ihn noch nie so erlebt. Franz sieht aus wie ein Barbar. Franz raucht, Franz säuft. Er hat sein erstes Mal mit zwölf erlebt. Mit einer siebzehnjährigen Punkerin, die von jemand anderem schwanger war.
„Ich bin so ein Loser im Vergleich mit ihr! Ich erzähl’ ihr alles... Von meinem Alten, diesem Penner. Den Klauereien auf Arbeit. Sogar das mit den Nutten... Die paar Mal. Sie nickt mir zu. Fordert mich auf, noch mehr zu sagen.“ Franz rudert mit den Händen. „Ich mein, sie ist Musikerin. Sie ist doch kein Pfaffe! Sie spielt Bratsche, verstehst du? Ich laber mir mein Leben von der Seele! Und, weißt du was? Sie hört nicht nur zu. Sie umarmt mich. Ich heule an ihrer Brust. Sie hat etwas... sorry, dass ich das sage. Ich weiß, was du denken wirst. Sie hat etwas Besonderes. Etwas Heiliges.“
Meine rechte Hand begann zu zittern. Aus dem Baum über uns flogen ein paar Stare auf, als hätten sie sich erschreckt. Der Bach sah jetzt düster aus, beinahe schwarz. Stinkendes Öl, das sich durch den Park fraß. Franz redete einfach weiter, während die Wut in mir wuchs. Ich schloss die Augen.
Ich hatte Lust, zuzuschlagen. Ich erkannte, wie Franz die Dinge sah, ganz generell und wie ich es tat.
Ich stand auf und starrte den Baumstamm vor mir an. Nasse, grauglitschige Rinde.
Franz hörte auf zu sprechen. Nach einer Weile sagt er: „Was ist los?“ Seine Stimme klang kühl.
Ich drehte mich zu ihm um. Ich sah ihn direkt an, wie er da zusammengekauert saß, mit glasigen Augen, die unten am Lid gerötet waren. Ich trat ein paar Schritte auf ihn zu.
„Mann... Mann, Mann, Mann.
Was bin ich eigentlich für ein Typ? Dass ich die Leute nicht lesen kann und so. Keinen Scheiß spüre.“
„Was meinst du?“
„Na - das ganze Zeug, was du erzählst. Mir fehlen die Antennen. Ich hab - ich hätte das nie gesehen in Monika. Ich bin flach, Alter. Eine beschissene Wüste.“
„Junge,“ sagte Franz.
Im selben Jahr, an einem Sommertag, an dem es morgens zu regnen begonnen hatte und immer weiter regnete, mal rauschend und heftig, mal gleichmäßig tröpfelnd, traf ich mich mit Franz in der Weser 58. Wir verabredeten uns so früh, dass es draußen noch hell war.
Die Bedienung kam an unseren Tisch geschlendert. Sie sah aus wie der Knappe eines Ritters. Silberne Leggins, kurze Haare und ein Ledergürtel über dem Bauch. Breitbeinig und verwegen blieb sie vor mir stehen und blickte über uns hinweg. Als wäre sie in Gedanken schon auf dem Schlachtfeld.
Franz hob seinen Kopf. Er war hager geworden und sah traurig aus. „Zwei vom Fass,“ murmelte er.
Dann sank sein Kopf wieder herab.
Ich klopfte ihm auf die Schulter.
Nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, räusperte ich mich. „Ich hab’ mal wieder Scheiße gebaut,“ sagte ich.
Franz schluckte und sah mich an.
„Erzähl,“ sagte er.
Und das tat ich.
Ich fing ganz, ganz von vorne an.
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