Bier mit Franz

Thomas Anin

Kollabierende Erdkerne. Anschwellende Ozeane. Auslöschung durch Aliens. Ich saß in meinem zerschlissenen Ledersessel und sah mir Filme an.

 

Hin und wieder schrieb ich Franz, ob er Lust auf ein Bier habe. Es kam keine Antwort.

 

Mit Franz im Januar in eine Berliner Kneipe zu gehen, das war schon nah an der Glückseligkeit. Draußen heult ein eisiger Wind über die Weserstraße. Frostblumen blühen an den Kneipenfenstern. Doch drinnen ist es warm und an den Tischen tummeln sich diese verqueren, gefallenen Engel, denen ein schweigsames Personal Bier um Bier zapft.

 

Ich kann dann alles sagen. Nie wertet Franz, nie verurteilt er. Er hört es sich an. Er nickt. Er stößt sein Bierglas gegen meines. Und dann ist es wieder gut.

 

Aber Franz rief nicht an. Franz antwortete nicht auf Nachrichten.

 

Ich zog meinen Mantel an, schleppte mich zur S-Bahn und fuhr in den Wedding. Ich stand vor seiner Bude, unten am Hauseingang und klingelte. Ich drückte vier, fünf Mal auf den Plastikknopf. Nichts. Ich ging eine Runde spazieren, durch die Grünfläche nahe Franz’ Wohnung. Die Wiese lag begraben unter Kühltruhen, besudelten Matratzen und Bretterhaufen. Ein eisiger Wind pfiff durch den Müll. Ich zitterte vor Kälte, drehte um und kehrte zu Franz’ Adresse zurück. Ich hörte das Sirren des Stroms, während ich meinen Finger auf das Plastik der Klingel presste. Keine Antwort. Nichts.

 

Abends, zuhause, kam mir in den Sinn, dass Monika auf der Silvesterparty nicht nur mir, sondern auch Franz eine Serviette mit ihrer Telefonnummer in die Hosentasche geschoben hatte. Vielleicht waren sie sich näher gekommen und Franz hatte, aufgrund von Eifersucht, beschlossen, den Kontakt mit mir abzubrechen? Dieser Gedanke war einerseits abwegig. Wegen Monika? Das schien ausgeschlossen. Zugleich lag es zeitlich nahe, fügte sich ineinander, wie zwei nackte, klebrige Körper.

 

Vielleicht war er gar nicht in Not. Und es war etwas grundsätzliches. Schon manches Mal hatte ich mich gefragt, weshalb Franz eigentlich mit mir Zeit verbrachte. Zu vielen Themen, die ihn bewegten, hatte ich nichts zu sagen.

 

Hin und wieder öffnete ich mir eine Flasche Bier und nahm sie mit nach draußen, um herumzulaufen. Es war so kalt, dass der Schaum an der Öffnung gefror. Ich lief über den Hermannplatz in die Seitenstraßen. Ich sah durch die Fenster der Kneipen, die ich mit Franz besucht hatte. Da saßen Menschen am Tresen, mit Gläsern vor sich, in denen sich das Kerzenlicht spiegelte. Sie warfen ihre Köpfe zurück, vor Lachen. Die Frauen trugen bis zum Nabel ausgeschnittene Oberteile. Die Männer hockten mit gespreizten Beinen auf den Barhockern. Ich berührte die Scheiben mit den Fingern.

 

Man macht weiter. Man denkt seltener an den Menschen, der verschwunden ist. Man steht auf, frühstückt, kleidet sich an. Man ist überrascht, dass ein Vierteltag vergangen ist, ohne dass die Frage aufkam, wo der Fehler lag oder was passiert ist.
 

Wenn ich in die Uni spazierte, sah ich, dass die Obdachlosen aus den U-Bahnschächten wieder im Freien saßen. Über den Gehwegen entfalteten sich die Blätter der Straßenbäume. Der Frühling begann.

 

An einem Montag im April saß ich auf einer Steintreppe, die hinab zur Spree führte und las ein Lehrbuch. Die Sonne schien, aber im Westen trieben schwarzgraue Wolken über die Stadt. Man wusste nicht, ob man draußen bleiben konnte oder in zehn Minuten ein Hagelsturm losbräche. Da vibrierte mein Handy. Ich zog es aus der Hosentasche. Franz’ Nummer erschien. Ich betrachtete das Display. Ich musste nur nach rechts wischen, um den Anruf anzunehmen. Meine Finger blieben regungslos. Drei Monate, dachte ich. Ein Vierteljahr. Es hörte auf zu klingeln. Ich sah über den Fluss, der düster dahin dümpelte. Da klingelte es erneut.

 

„Franz,“ sagte ich.


„Ja, Mann.“


Ich schwieg.


„Magst mich besuchen kommen?“ 

 

„Besuchen.“

 

„Ich schick’ dir die Adresse. Also, wunder’ dich nicht - das ist ein Hospiz.“ 

 

„Ein Hospiz?“


„Exakt.“


„Ich komm vorbei,“ sagte ich und legte auf.

 

Am Empfang der Einrichtung sagte ich, dass ich Herrn Kupfer besuchen wolle. Der Mann, der ungesund gelblich aussah, bat mich, den Namen zu wiederholen. „Können Sie das buchstabieren,“ flüsterte er. Er saß vor seinem Computertbildschirm und tippte, als ob er eine sehr komplizierte Aufgabe zu bewältigen hätte.

 

„Wie das Metall,“ sagte ich. „K-U-P-F-E-R. Franz Kupfer.“

 

Er schwieg und klickte mit der Maus herum.

 

Verstohlen sah ich mich um. Vielleicht sollte ich mich einfach umdrehen und gehen.

In diesem Moment schlurfte Franz aus dem Gang auf den Eingangsbereich zu. Er nickte mehrmals, als er mich sah. Wir reichten uns die Hand. Er roch nach Schweiß.

 

„Komm, lass uns nach draußen.“ Er deutete durch eine Glastür, die rechts vom Eingangsportal lag.

 

Wir traten hindurch und es öffnete sich ein Park, weitläufig und voller alter Bäume. Ich war überrascht, mitten in Berlin so einen Ort zu sehen. Durch das hintere Ende des Parks floss ein Bach. Auf einer Bank nahmen wir Platz.

 

„Es ist schön hier,“ sagte Franz. „Die haben das hübsch gemacht. Er deutete aufs Wasser. In dem Bach habe ich schon eine Schildkröte gesehen. Muss jemand ausgesetzt haben. Hin und wieder kommen Fischreiher vorbei und lauern auf Beute.“

 

Ich rückte auf der Bank nach hinten und lehnte mich an. Ich hörte, wie die Vögel zwitscherten.

 

„Du kannst zusehen, wie sie ihre Nester bauen.“ Franz zeigte auf die Buchen, die hinter dem Bach standen.

 

Ich roch den Duft des Frühlings. Doch ich roch auch Desinfektionsmittel. Ich wusste, trotz allem, wo wir gerade waren.

 

„Dieses Hospiz - das ist nicht wie ein Krankenhaus. Hier stehen schmerzstillende Behandlungen im Vordergrund. Psychische Hilfe... Ein erträgliches Abschiednehmen für die Sterbenden. Also, mit Monika-“

 

„Moment mal,“ rief ich. „Monika? Die von der Party? Was hat die denn...“

 

„Stimmt,“ unterbrach mich Franz. „Wir haben lange nicht gequatscht. Ja... Hab sie Mitte Januar getroffen. Ich hab gedacht, wir gehen einen trinken und - naja. Aber dann fängt sie von einem Rezidiv an. Lebermetastasen. Ich hab’ ihr zugehört. Wie soll ich sagen. Es war wie ein Traum oder wie ein Film, aus dem man nicht mehr aussteigen kann.“ Er drehte sich zu mir.

 

„Du grinst?,“ flüsterte er und sah mich an.

 

„Ich - nein, nein.“ Ich verbarg mein Gesicht zwischen den Händen, als ob ich heulen müsste. Aber in Wahrheit lächelte ich. Lachte beinahe. Es ging nicht um Franz! Es ging überhaupt nicht um Franz! Ich schüttelte den Kopf und räusperte mich und krächzte, „weiter, bitte erzähl weiter.“ Ich nahm die von ihm abgewandte Hand von meinem Gesicht und klopfte ihm auf die Schulter.

 

„Wir gehen spazieren,“ sagte er. „Wir spielen im Park Schach, unter der Weide da vorne. Abends sehen wir uns französische Filme an. Wir reden Tag und Nacht. Wir lesen zusammen. Monika steht auf Comics, so Graphic Novels. Die vom Hospiz bestellen das, was es nicht in der Bibliothek gibt. Wir lesen, ausgestreckt auf dem Bett, nebeneinander. Wie Teenager. Lachen uns kaputt. Sie führt mich in die klassische Musik ein. Es ist ein Endless-Summer-Ding. Monika hat gesagt, so hätte sie sich ihre Jugend gewünscht. Seit acht Wochen schlafen wir jede Nacht gemeinsam ein. Ich habe keine Ahnung, was ich danach tun soll. Ich hab’ ihr das gesagt. Was soll ich machen, wenn du fort bist? Sie ist so ein bisschen gläubig, weißt du.“ Er hält inne und kratzt sich am Kinn. „Ich aber ja überhaupt nicht. Ich kann ihr das auch nicht vorspielen. Nichts ist da, wenn man stirbt, habe ich gesagt, gar nichts. Übel, oder? Das hab’ ich ihr gesagt, obwohl sie in ein paar Wochen tot ist.

Sie hat geantwortet: Na, wenn schon. ‚Nichts‘ ist besser als die ganze Scheiße, die ich schon erlebt habe.
Dann war sie still. Und hat irgendwann noch hinzu gefügt: Wenn da etwas ist, dann sehen wir uns wieder. Und wenn da Nichts ist, dann sind wir zusammen im Nichts. Und ich hab’ angefangen zu weinen. Ich bin nur noch am Weinen, Junge.“

 

Ich räusperte mich, raffte mich auf und drückte seinen Arm. Ich erwähnte nicht, dass ich mich auch einmal mit Monika getroffen hatte, zwei Tage nach der Silvesterparty. Wie sie Lachslasagne gekocht hatte und unser Gespräch immer weiter versandet war. Wir hatten übers Kiffen geredet. Über eine Jointbaumaschine. Sie hatte auch andere Themen versucht. Mit dem Abräumen des Geschirrs hatte sie es aufgegeben, mit mir zu sprechen. Und als ich um vier Uhr morgens abhaute, ging ihre Tür nicht auf. Ich war in meine Sneakers geschlüpft, ohne sie zuzubinden und hatte den Schlüssel gedreht. Er hatte geklirrt und geklimpert. Immer wieder hatte ich ihn nach rechts geschraubt. Es musste irgendein Defekt gewesen sein. Bei jedem Drücken hatte die Klinke wie ein altersschwacher Raabe gequietscht. Kra. Kra, kra. Von meinen Fingern war der Duft ihres Körpers aufgestiegen.

 

„Ich hab’ ihr einen Antrag gemacht.“ Franz’ Augen glänzten, als wäre er auf Morphium.

 

Ich betrachtete das hellgrüne Gras der Wiese. Die letzte Nacht hatte es geregnet und man sah den Halmen an, wie vollgesogen sie mit Wasser waren. Wie gut sie wuchsen.

 

„Es war nicht, wie soll ich sagen, wie du denkst... es war nicht Mitleid. Überhaupt nicht. Ich habe mich vor sie hin gekniet und ich hatte Angst, dass ich den Satz nicht herausbringe.

Sie hat mich angeguckt und dann wieder weggeschaut. Sie hat geflüstert: ‚Mein Leben verlief furchtbar. Meine Eltern wollten mich nicht. Genauso später, in Berlin. Ich hab’ nie Fuß gefasst. Das war es. Das war alles. Jetzt sterbe ich.‘ Sie hat mit den Fingern am Saum ihres Hoodies herum gerollt. Der Pulli schlabbert an ihr, musst du wissen. Sie ist jetzt total dürr. Dann spricht sie weiter: ‚Aber, die letzten Wochen mit Dir... Dafür hat sich das alles irgendwie gelohnt. Also ja. Ja, ja, ja!‘

 

"Und dann hat sie sich an mich gedrückt und mich zehn Minuten nicht mehr los gelassen.“ 

 

Tränen rollten Franz’ Wangen herab.

 

Ich hatte ihn noch nie so erlebt. Franz sieht aus wie ein Barbar. Franz raucht, Franz säuft. Er hat sein erstes Mal mit zwölf erlebt. Mit einer siebzehnjährigen Punkerin, die von jemand anderem schwanger war.

 

„Ich bin so ein Loser im Vergleich mit ihr! Ich erzähl’ ihr alles... Von meinem Alten, diesem Penner. Den Klauereien auf Arbeit. Sogar das mit den Nutten... Die paar Mal. Sie nickt mir zu. Fordert mich auf, noch mehr zu sagen.“ Franz rudert mit den Händen. „Ich mein, sie ist Musikerin. Sie ist doch kein Pfaffe! Sie spielt Bratsche, verstehst du? Ich laber mir mein Leben von der Seele! Und, weißt du was? Sie hört nicht nur zu. Sie umarmt mich. Ich heule an ihrer Brust. Sie hat etwas... sorry, dass ich das sage. Ich weiß, was du denken wirst. Sie hat etwas Besonderes. Etwas Heiliges.“

 

Meine rechte Hand begann zu zittern. Aus dem Baum über uns flogen ein paar Stare auf, als hätten sie sich erschreckt. Der Bach sah jetzt düster aus, beinahe schwarz. Stinkendes Öl, das sich durch den Park fraß. Franz redete einfach weiter, während die Wut in mir wuchs. Ich schloss die Augen.

 

Ich hatte Lust, zuzuschlagen. Ich erkannte, wie Franz die Dinge sah, ganz generell und wie ich es tat.

 

Ich stand auf und starrte den Baumstamm vor mir an. Nasse, grauglitschige Rinde.
Franz hörte auf zu sprechen. Nach einer Weile sagt er: „Was ist los?“ Seine Stimme klang kühl.

 

Ich drehte mich zu ihm um. Ich sah ihn direkt an, wie er da zusammengekauert saß, mit glasigen Augen, die unten am Lid gerötet waren. Ich trat ein paar Schritte auf ihn zu.

 

„Mann... Mann, Mann, Mann.
Was bin ich eigentlich für ein Typ? Dass ich die Leute nicht lesen kann und so. Keinen Scheiß spüre.“

 

„Was meinst du?“

 

„Na - das ganze Zeug, was du erzählst. Mir fehlen die Antennen. Ich hab - ich hätte das nie gesehen in Monika. Ich bin flach, Alter. Eine beschissene Wüste.“

 

„Junge,“ sagte Franz.

 

Im selben Jahr, an einem Sommertag, an dem es morgens zu regnen begonnen hatte und immer weiter regnete, mal rauschend und heftig, mal gleichmäßig tröpfelnd, traf ich mich mit Franz in der Weser 58. Wir verabredeten uns so früh, dass es draußen noch hell war.

Die Bedienung kam an unseren Tisch geschlendert. Sie sah aus wie der Knappe eines Ritters. Silberne Leggins, kurze Haare und ein Ledergürtel über dem Bauch. Breitbeinig und verwegen blieb sie vor mir stehen und blickte über uns hinweg. Als wäre sie in Gedanken schon auf dem Schlachtfeld.

 

Franz hob seinen Kopf. Er war hager geworden und sah traurig aus. „Zwei vom Fass,“ murmelte er.

 

Dann sank sein Kopf wieder herab.


Ich klopfte ihm auf die Schulter.


Nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, räusperte ich mich. „Ich hab’ mal wieder Scheiße gebaut,“ sagte ich.


Franz schluckte und sah mich an.


„Erzähl,“ sagte er.


Und das tat ich.


Ich fing ganz, ganz von vorne an.

 

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